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VENI VIDI RABINOVICI

Thomas Kraft in Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Rabinovici, Doron, wurde am 2. 12. 1961 in Tel-Aviv geboren. Sein Vater, David, war 1944 aus Rumänien nach Palästina geflüchtet. Die Mutter, Schoschana, stammte aus Wilna und überlebte Ghetto und Vernichtungslager und erreichte Israel in den fünfziger Jahren. 1964 übersiedelte die Familie nach Wien. Seither lebt Doron Rabinovici in Österreich, doch die Verbindung zu Israel brach nie ab. Er studierte an der Universität Wien Geschichte, Ethnologie, Medizin, Psychologie, promovierte im Jahre 2000 mit der historischen Arbeit Instanzen der Ohnmacht. Die Wiener jüdische Gemeindeleitung 1938 bis 1945 und ihre Reaktion auf die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung. In den achtziger Jahren gründete Rabinovici einen »Wiener Freundeskreis der israelischen Friedensbewegung Friede Jetzt«. Ab 1986 galt sein Engagement im »Republikanischen Club« der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus. Als Wissenschaftler forschte er insbesondere über die Israelitische Kultusgemeinde Wien während der nationalsozialistischen Vernichtung und schrieb er 1994 an einem Projekt für das österreichische Wissenschaftsministerium über die »Perzeption der USA in Österreich während und nach dem Ende beider Weltkriege«. 1995 war er Zivildiener im »Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands«. Im Jahre 2000 rief er aus Protest gegen eine Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen zur Großdemonstration »Nein zur Koalition mit dem Rassismus« auf. Er lebt als Schriftsteller, Historiker und Essayist in Wien. Ausgezeichnet wurde er 1994 mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, 1996 mit Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur, 1997 mit dem Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik, 1998 mit dem Hermann-Lenz-Stipendium, 1999 mit dem Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis, 2000 mit dem Mörike-Förderpreis der Stadt Fellbach, dem Heimito-von-Doderer-Förderpreis und dem Preis der Stadt Wien für Publizistik sowie 2002 mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg und dem Jean-Améry-Preis. Im Jahre 2002 war er »writer-in-residence« am Oberlin College in Ohio.

Suche nach M (1997) - man denkt unwillkürlich an einen bekannten Filmtitel. Die Stadt, in der der Debütroman von Doron Rabinovici spielt, ist Wien, eine Stadt, die, so der Erzähler, »alle Unebenheiten wienerwalzt«, bis entweder die reine Unschuld oder das blanke Entsetzen übrigbleiben. Oder beides zugleich. Die Mörder, um die es in diesem Roman geht, kommen aus den Reihen des Mossad und des palästinensischen Geheimdienstes, manche arbeiten auch auf eigene Rechnung oder sind alte Nazis. Es herrscht Panik im Land, die »Gespenster der Vergangenheit« wirbeln in grotesker Verwirrung Identitäten durcheinander und spuken durch die Alpträume von Tätern und Opfern des Holocaust, bis keiner mehr weiß, zu welcher Gruppe er eigentlich gehört. In seiner pechschwarzen Verwechslungskomödie in zwölf Episoden spielt der Autor auf ironische Weise mit den Klischees von Anti- und Philosemitismus, mit den Konflikten innerhalb der jüdischen Gemeinden zwischen Orthodoxen und Liberalen und den Tabus und Traumata der Shoah-Generation und ihrer Kinder. In dieser Hinsicht ist Suche nach M auch ein exemplarischer Roman der neunziger Jahre.

Wie die Titelfigur des Prosabandes Papirnik (1994), die am Ende in Flammen aufgeht, ist M. alias Mullemann ein (in Mullbinden eingewickelter) Schmerzensmann, eine grelle Erinnerungsmetapher, eine gespaltene Persönlichkeit. In seiner Kindheit hieß er noch Dani Morgenthau und war, da sein Elternhaus ihn vernachlässigte, ein ziemlich neurotisches Kind. Die Allgegenwart der Shoah - »wir wurden alle mit einer blauen Nummer am Arm geboren«, heißt es im Text - bestimmt seine Existenz; es gibt für ihn keine Erklärungen, kein Gespräch mit den Eltern, keine Aufschlüsse über das Leben hier und jetzt. Der Erzähler überhöht Dani zur Symbolgestalt, die alle Schuld und alles Leid bereitwillig auf sich lädt - ein bequemes Alibi, ein Stellvertreter für individuelle und kollektive Täter, aber auch eine Provokation, die zur Stellungnahme, ja sogar zu Geständnissen herausfordert.

Arieh Scheinowitz ist gewissermaßen das andere Gesicht dieses jüdischen Januskopfes, der manische Rächer mit dem sicheren Gespür für jede Blutspur und dem untrügerischen Instinkt für Verbrechen und Schuld. Dani und Arieh sind Nachfahren jener Generation, die in den Gaskammern ermordet wurde oder psychisch vernichtet die Lager überlebte, »Tote auf Urlaub«, wie sie der Autor in Anlehnung an den gleichnamigen Roman Milo Dors, der in Wien nur einen Steinwurf entfernt wohnt, nennt. Schuld anzuprangern und Schuldige kenntlich zu machen, stößt, so legt es der Roman nahe, auf Widerstand »in einem Land, das allgemeine Unbeflecktheit beanspruchte«. Und wenn sich doch einmal jemand mit dem Thema auseinandersetzte, wie es im Roman zum Beispiel der Maler Otto Toots macht, dann mißverständlich, unwissend und verletztend. Angesichts seines Gemäldes mit dem Titel »Ahasver« entsetzt sich die Jüdin Navah Bein, eine Historikerin aus Tel Aviv: »So wollten und so wollen sie uns seit jeher sehen; in Fetzen, von Wunden umkränzt, zerschlagen, eingeschnürt und verletzt. Der Ewige Jude war und ist ihnen eine Ausstellung wert. Die Väter haben ihn als Untermenschen hingerichtet, die Söhne richten ihn als Heiligen her. Das jüdische Überleben, das israelische Selbstbewußtsein (...) interessieren hier niemanden.« Die Durchdringung der Romanhandlung mit phantastischen Motiven offenbart die Erzähltradition, der sich der Autor nahe fühlt: Namen wie Leo Perutz, Franz Kafka, Gustav Meyrink und Alfred Kubin müssen hier wohl genannt werden. Das Magische und Sprachzauberische eignet schon den »Stories« der Sammlung Papirnik, in denen die Titelfigur »kein Mann aus Fleisch und Blut«, sondern ein Mann aus Wörtern und Buchseiten ist. Die augenzwinkernde Lust am Fabulieren steht hinter diesen schrägen, surrealen Geschichten, kein Eskapismus, sondern ein gebrochener, widerständiger Blick auf die Schnittstellen der inneren und äußeren Welten. Den analytischen und essayistischen Zugang zur politischen Realität findet man in Rabinovicis zahlreichen »Einmischungen«, vorläufig gesammelt unter dem Titel Credo und Credit (2001) vorliegend. Seine Invektiven und Mahnreden über Erinnern und Vergessen richten sich gegen eine »Politik der Folklore« und das falsche Verständnis eines allgemeinen Bewußtseins, das noch immer Täter und Opfer verwechselt, was auch zerimonielle und habituelle Maskierungen nicht verbergen können. Zentral steht seine These, dass die sanktionierte »Trennung zwischen ökonomischem Antisemitismus und christlichem Antijudaismus« historisch nicht haltbar sei, die »nationalsozialistischen Verbrechen ohne Christentum und seinen Antijudaismus nicht möglich gewesen wären«.

Thomas Kraft in Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Werke: Papirnik. Stories, Ffm. 1994; Suche nach M. Roman in zwölf Episoden, Ffm. 1997; Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat, Ffm. 2000; Republik der Courage. Wider die Verhaiderung, Hg., zus. m. Robert Misik, Bln. 2000; Österreich. Berichte aus Quarantanien, Hg., zus. m. Isolde Charim, Ffm. 2000; Credo und Credit. Einmischungen, Ffm. 2001.

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